Sie sind hier: HAUPTNAVIGATION » Nachruf auf Musiklehrerin | 03/2021

Erinnerungen an eine engagierte Musikpädagogin

Zum Tod von Studienrätin Christa Weigelt

Am1. September 1952 trat sie an der Oberschule Rudolstadt - so hieß damals das heutige Gymnasium Fridericianum - ihren Dienst an:  Christa Weigelt. Vier Jahre Studium an der Weimarer Musikhochschule waren nach dem Abitur in Rudolstadt vorausgegangen. Alle schauten voller Erwartungen auf die junge Lehrerin, war doch nach dem Weggang eines versierten Vorgängers eine weniger erfreuliche einjährige Interimszeit zu Ende  gegangen. Voller Elan begann die junge Frau ihren Dienst. Zwölf Klassen in vier Jahrgangsstufen von 9 bis 12 waren zu unterrichten, dazu waren noch ein vierstimmiger Chor und sogar ein Schülerorchester in umfangreicher Besetzung zu leiten.

Wir Schüler staunten über Fräulein Weigelts - so nannte man sie damals noch - pianistische Fähigkeiten, erworben bei Professor Siegfried Rapp, einem damals bekannten Pianisten, der im Krieg seine rechte Hand verloren hatte. Unser Musikunterricht stand auf hohem Niveau.  Es wurde gesungen, aber auch Musikgeschichte sowie Noten- und musikalische Formenlehre standen auf dem Unterrichtsplan.

Mit Tonträgern - damals nur Schallplatten - war die Schule recht sparsam ausgestattet.  Also setzte sich Christa Weigelt in der Aule einfach an den Flügel und spielte und sang.  Lebhaft in Erinnerung blieb mir, wie sie aus dem "Freischütz" von Weber die bekannte Ännchen-Arie interpretierte. Es war ein forderndes, aber auch freudbetontes Lernen.

Das gleiche galt für Chor und Orchester. Weil alle Beteiligten mit Begeisterung bei der Sache waren, gelangen auch recht bald anspruchsvolle Interpretationen. So sangen wir z.B. den "Chor der Friedensboten" aus Richard Wagners Oper "Rienzi" oder auch mit Frieder Henkel als Solisten Bachs "Kaffeekantate" oder Telemanns "Schulmeisterkantate".

Es gab in den Folgejahren noch verschiedene Solistengruppen, u.a. auch eine Singegruppe, sodass insgesamt Werke diverser Genres und Zeiten zur Aufführung kamen. Natürlich sang der Chor immer zum 1. Mai auf dem Marktplatz oder auf dem Anger, wo anfangs noch ein Musikpavillon stand.

Christa Weigelt war in vielen Bereichen bewandert. Das galt für sie schon, als sie noch selbst Oberschülerin war. Da war sie sowohl mit Orgelspiel als auch mit Tanzmusik rund um ihren Heimatort Katzhütte unterwegs. Das kam ihr sowohl beim Studium als auch in der Praxis zugute. In den ersten Jahren ihrer Lehrtätigkeit sang Frau Weigelt auch mit Freude im Rudolstädter Oratorienchor unter dem damaligen Kantor Otto Lehmann. Im Juni 1954 betraute er sie z. B. mit der Sopran-Solo-Partie in Händels "Te deum". Mit ihrem Elan und ihrer Begeisterung für die Musik steckte die Lehrerin auch ihre Schülerinnen und Schüler an. Etliche von ihnen wurden später selbst Musiklehrer. Wolf-Günter Leidel, der in und um Rudolstadt mit Orgelkonzerten und Vorträgen zu hören war, wurde Professor an der Musikhochschule Weimar. Auf Kammersänger Fritz Hille, der am Metropoltheater in Berlin sang, konnte Christa Weigelt besonders stolz sein, ebenso auf Heike Kellermann, die auch in Rudolstadt mehrfach mit ihrem Soloprogramm aufgetreten ist und noch heute mit Hochachtung von Ihrer ehemaligen Lehrerin spricht.

In Würdigung aller ihrer Verdienste ehrte man Christa Weigelt mit dem Titel Studienrätin. Über viele Jahre bereicherte sie mit ihren Schülern das Musikgeschehen in unserer Stadt. Noch Jahre nach dem Abitur erinnern sich z.B. viele gern an die Konzerte ehemaliger Schüler, die unter Beteiligung von Chor und Solisten im Theater stattfanden.

Das alles ist umso bewundernswerter, als Christa Weigelt jahrelang mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen hatte, weswegen sie auch vorzeitig invalidisiert wurde. Aber selbst als Rentnerin blieb sie in Kontakt mit vielen ehemaligen Schülerinnen und Schülern und war aufgeschlossen für alles, was in der Stadt und in der Welt geschah.

Besonders verbunden fühlte sie sich der Kirchenmusik. So begegnete man ihr beim Besuch vieler Orgelkonzerte oder bei Aufführungen großer Oratorien in unserer Stadt.

Als sie ihren Haushalt aufzulösen begann, schenkte sie ihren Flügel der Kirchgemeinde. Als besondere Freude empfand sie es, dass der Kammerchor, der einst auf Initiative ehemaliger Schüler gegründet worden war, sie zu ihrem 90.Geburtstag im Seniorenheim besuchte und für sie ihre Lieblingslieder sang.

Im letzten Jahr waren coronabedingt nur wenige Besuche bei ihr möglich. Kurz nach ihrem 93. Geburtstag verstarb eine Lehrerin, die ihre Begeisterung für die Musik vielen Schülerinnen und Schülern vermittelt hatte und die immer gern an sie denken werden.

Text: Renate Mertel | Foto: Chorarchiv/Schule | 03/2021