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Geschichte der Sternwarte

1964- 1989

Seit sechzig Jahren gehört Astronomie zum Kanon der UnterrichtsfĂ€cher an allgemeinbildenden Schulen in ThĂŒringen. Da diese Wissenschaft nicht nur von der Theorie sondern auch von der faszinierenden praktischen Beobachtung lebt,  setzte sich seit dem Beginn der 1960er Jahre der RudolstĂ€dter Astronomielehrer Hermann Hilbert fĂŒr die Errichtung einer Schul- und Volkssternwarte im Westen der Stadt Rudolstadt ein. Auf dem Weg in den Ortsteil Mörla, etwas abseits der Richard-Wagner-Straße, fand sich ein Areal, dass den damaligen AnsprĂŒchen an eine Schul- und Volkssternwarte genĂŒgte. Der Standort war fĂŒr SchĂŒler und GĂ€ste fußlĂ€ufig erreichbar, bot freie Sicht in alle Richtungen, war im Umfeld weitgehend unbebaut und die Lichtverschmutzung hielt sich in Grenzen. Im Herbst 1964 fand der erste Spatenstich auf dem GelĂ€nde des seit 1945 brachliegenden ehemaligen Entfernungsmessstandes der deutschen Wehrmacht statt. Zuerst rodete man alle zur Tarnung des militĂ€rischen Objektes gepflanzten BĂ€ume, zĂ€unte das GelĂ€nde ein und erledigte wichtige Infrastrukturarbeiten. Schon hier waren vor allem SchĂŒler und SchĂŒlerinnen RudolstĂ€dter Schulen und deren Eltern aktiv. Ab 1966 wurde die alte Bausubstanz des Messstandes, der die Basis fĂŒr die kĂŒnftige Sternwartenkuppel bilden sollte, saniert und im Herbst 1967 begannen die Bauarbeiten fĂŒr die Sternwartenkuppel. Diese wurde Ende 1967/ Anfang 1968 durch die heute noch vorhandene drehbare 3 Meter-Kuppelabdachung bekrönt. Im FrĂŒhjahr 1969 erledigten die Erbauer letzte Arbeiten, u. a. die Anbringung eines Sgraffito-Frieses mit den 12 Tierkreiszeichen und dem Leitspruch Per aspera ad astra. Diese hĂ€ufig zitierte, dem römischen Philosophen Seneca zugeschriebene, Redewendung bedeutet: „Über raue Pfade gelangt man zu den Sternen“ oder „Durch MĂŒhsal gelangt man zu den Sternen“. Angesichts der langwierigen, anstrengenden und freiwilligen Mitarbeit aller Beteiligten ein sinnerfĂŒllter Leitspruch. Hermann Hilbert, Initiator und erster Leiter der Sternwarte, spricht in seinen Dokumentationen zur Baugeschichte von ca. 10.000 unbezahlt geleisteten Stunden und ca. 300 Helfern und Helferinnen. Schließlich wurde am 21. Juni 1969 die Sternwarte im Beisein der damaligen lokalen Prominenz feierlich eröffnet. NatĂŒrlich durften in der DDR der 1960er Jahre politische BezĂŒge bei einem solchen Vorhaben nicht fehlen. So lobte man den Bau als sozialistisches Gemeinschaftswerk und widmete die Eröffnung der Sternwarte dem 20. Jahrestag der DDR im Oktober 1969. Vorbild und Namenspate der Sternwarte wurde auf Anregung von Hermann Hilbert der Astronom, Mathematiker und evangelischer Theologe Johannes Kepler. Der Bezug auf diese Persönlichkeit erwies sich als zeitlos. Die von Kepler ab 1609 formulierten Gesetze der Planetenbewegung im Sonnensystem gehören bis heute zum Basiswissen der Astronomie.

In den Folgejahren ab 1969 entwickelte sich die Sternwarte in Rudolstadt zu einem ĂŒberregional wirksamen Zentrum der Schul- und Amateurastronomie. SchĂŒlergenerationen erhielten hier anschaulichen, praktischen Astronomie-Unterricht und vertieften ihre Kenntnisse und FĂ€higkeiten in Arbeitsgemeinschaften und fakultativen Kursen. Auch Lehrerfortbildungen sowie wissenschaftliche Vortragsabende u.a. mit Professoren der Physikalisch-Astronomischen-FakultĂ€t der FSU Jena oder der ThĂŒringer Landessternwarte Tautenburg und literarisch-musikalische Abende gehörten zum Programm der Einrichtung. Dem Charakter einer Volksternwarte wurde die Sternwarte Rudolstadt durch regelmĂ€ĂŸige öffentliche Beobachtungsabende und Beobachtungen spektakulĂ€rer astronomischer Ereignisse wie Sonnen- und Mondfinsternisse sowie Planetentransiten der inneren Planeten gerecht.

Schwerpunkte der amateurastronomischen Arbeit waren seit Anbeginn die Astrofotografie und der astronomische Modellbau. Einige der von Hermann Hilbert entwickelten Modelle erlangten im vordigitalen Zeitalter landesweite Bedeutung. In den Jahren 1984/85 wertete man die Sternwarte durch einen Erweiterungsbau mit Fachunterrichtsraum, BĂŒro, SanitĂ€ranlagen und Beobachtungsplateau weiter auf. 

1989- 2020

Nach der Umbruchphase der friedlichen Revolution 1989/90 wurde das 1991 aus der Erweiterten Oberschule (EOS) hervorgegangene und weitestgehend neu strukturierte Staatliche Gymnasium Rudolstadt zum TrĂ€ger der Schulsternwarte. Eine solch wertvolle Einrichtung, mit der sich viele Menschen verbunden fĂŒhlten, konnte nicht einfach aufgegeben werden. Im Jahr 1992 investierte der Landkreis Rudolstadt eine grĂ¶ĂŸere Summe von 70.000 DM in die umfassende Sanierung der GebĂ€ude der Sternwarte. Der Lehrer Hermann Hilbert betreute auch in den ersten Jahren des Gymnasiums die Sternwarte und den Astronomieunterricht mit dem ihm eigenen persönlichen Engagement bis zu seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst. WĂ€hrend einer Übergangszeit, Ende der 1990iger Jahre, bemĂŒhte er sich um einen Nachfolger fĂŒr seine Sternwarte. Letztendlich fand er mit Hartmut Richter, Astronomielehrer am Bad Blankenburger Gymnasium, seinen Wunschkandidaten. Beide arbeiteten seit Jahren auf der Sternwarte zusammen und engagierten sich nach 1990 intensiv als MitbegrĂŒnder eines Vereins zur Erhaltung des Astronomieunterrichtes in ThĂŒringen. FĂŒr das Erreichen dieses Zieles spielten die zahlreichen Schul- und Volkssternwarten in den neuen LĂ€ndern eine wichtige Rolle. Vom Schulamt zum Sternwartenleiter bestellt, wechselte Hartmut Richter Ende der 1990er Jahre zum TrĂ€gergymnasium der Sternwarte nach Rudolstadt. Ein Standbein verlor jedoch die Sternwarte in dieser Zeit. Im neu geschriebenen Lehrplan waren SchĂŒlerbeobachtungen nicht mehr obligatorisch, nur empfohlen. Das Beobachten ganzer Schulklassen wurde abgelöst von der Bildung interessierter SchĂŒlergruppen, die oft weit ĂŒber ihre Schulzeit hinaus der Sternwarte die Treue gehalten haben. FĂŒr die öffentlichen Beobachtungsabende wurde an der Technik geschult, viele interessante Projekte wie die Vermessung der Erde nach einer zweitausend Jahre alten Methode oder auch die Bestimmung der Sonnenentfernung durch die Beobachtung des Venusvorbeizuges durchgefĂŒhrt. Interessante VortrĂ€ge wurden auf der Sternwarte organisiert, manchmal reichte das Platzangebot in der Sternwarte nicht aus und man zog um, in die Aula des Gymnasium Fridericianum. Da der Sternwartenleiter Hartmut Richter auch Mitglied der Landesfachkommission Astronomie war, spielte die Lehrerfortbildung in den 2000er Jahren weiterhin eine gewichtige Rolle auf der Sternwarte. Sehr nutzbringend waren die Verbindungen zu anderen Sternwarten, Wissenschaftlern, Astronauten und Kosmonauten, Raketentechnikern und Weltraumorganisationen. Selbst unsere kleinsten Besucher, viele Kindergartengruppen und GrundschĂŒler, haben mit ihrer Neugier und ihren Fragen die Arbeit auf der Sternwarte bereichert. 2011 wechselte Hartmut Richter in den Ruhestand und Bernhard Giller, ebenfalls Lehrer am Gymnasium Fridericanum, ĂŒbernahm die Leitung der Sternwarte.

Bis heute zĂ€hlt die Sternwarte in Rudolstadt, trotz schwieriger werdender Rahmenbedingungen (u. a. Lichtverschmutzung und Bebauung), zu den aktiven amateurastronmischen Einrichtungen des Landes ThĂŒringen. Die schulartĂŒbergreifende Arbeit mit SchĂŒlerinnen und SchĂŒlern gehört seit Jahrzehnten zur festen Basis.

Jeden zweiten Freitag finden öffentliche Beobachtungsabende statt. Ein Sternwartenteam aus SchĂŒlern, Ehemaligen und interessierten DauergĂ€sten bespricht regelmĂ€ĂŸig aktuelle astronomische Themen und ĂŒbt sich in der Himmelsbeobachtung mit und ohne optische Hilfsmittel. Der Schwerpunkt der Astrofotografie wurde wiederbelebt. Auch im Internet ist die Sternwarte mit einer Website seit 2012 prĂ€sent und gibt jeden Monat Tipps und Anregungen fĂŒr eigene Beobachtungen oder Sternwartenbesuche. 

UnterstĂŒtzt wird die Sternwarte von der Schulleitung und dem Freundeskreis des Fridericianums, dem Landkreis Saalfeld-Rudolstadt sowie Freunden der Astronomie.

Bernhard Giller und Hartmut Richter